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Die Entstehung eines Wohngebietes am Ostrand von Rostock
Hans-Erich Flick /Anita Sawitzki; Rostocker Zorenappels 6; Verlag Redieck & Schade

1919 sollte für Veteranen des Ersten Weltkrieges und ihre Familien durch die "Hindenburg Stiftung" Wohnraum geschaffen werden. Es wurde dabei besonders an kinderreiche Familien gedacht. So entstand rund drei Kilometer von Rostock entfernt unter dem Begriff "Kriegerheimstätten" ein neues Wohngebiet. Es wurde nach dem niederdeutschen Dichter John Brinckman benannt.

Zunächst entstanden an der Tessiner Straße in einem offenen Karree fünf Doppelhäuser. Die 12 Familien Kasch, Knuth,  Wagenknecht, Lübow, Witt, Jeske, Draheim, Wollbrecht, Piehl, Fönings, Klönhammer und Möller fanden hier eine neue Bleibe.

Damit war sozusagen der Grundstein für den Ortsteil Brinckmansdorf gelegt worden.
In den folgenden Jahren entstanden bis 1932 78 neue Häuser, zumeist Doppelhäuser. Während zunächst weiter entlang der Tessiner Straße gebaut wurde, legte man dann quer ab zur Hauptstraße weitere Straßen an und benannte sie folgerichtig nach Figuren aus den Schriften John Brinckmans: Kasper-Ohm-Weg, Gretenwäschenweg, Peter-Lurenz-Weg, Unkel-Andrees-Weg, Eikaterweg, Zorenappelweg.

In der Entstehungszeit gab es weder Strom und Gas noch eine Wasserleitung und Entwässerung. Jedes Doppelhaus besaß einen Brunnen mit Pumpe, so dass zumindest die Wasserversorgung mit Grundwasser gesichert war. Als Beleuchtung diente allgemein die Petroleumlampe. Geheizt und gekocht wurde mit fossilen Brennstoffen und mit Buchenholz, das teilweise im Stadtpark verauktioniert wurde. So waren einige der notwendigsten Dinge zwar abgesichert, doch reichten diese zum Leben allein nicht aus.

In den Anfangsjahren hatten sich auch kleinere Geschäfte angesiedelt. Für den täglichen Bedarf an Lebensmitteln hatte Anna Bölt einen Kolonialwarenladen eröffnet, wo es die notwendigen Waren und auch Petroleum für die Beleuchtungskörper gab. Doch das nicht allein. Da es für die Ortschaft mit den noch wenigen Einwohnern keinen Briefträger gab, unterhielt Frau Bölt gleichzeitig eine Postfiliale, zu der Briefe und Pakete mit einem Postomnibus gebracht wurden, der frühmorgens bis Pastow und um 1h 8 Uhr wieder in die Stadt fuhr und auch Fahrgäste mitnahm. Nachmittags um 1h 3 Uhr fuhr er dann wieder zurück und nahm ebenfalls Personen mit. Abends wurde die Post an die einzelnen Familien ausgegeben, indem jede Familie einen Vertreter schickte, um ihre Briefe oder Päckchen nach Aufruf in Empfang zu nehmen, fast wie beim Militär.

Im "Rostocker Anzeiger" von 1929 wurde kräftig für Brinckmansdorf geworben, sei es doch der schönste Punkt Rostocks mit einem wunderbaren Ausblick auf die Stadt.

Und langsam hatte sich in Brinckmansdorf eine Siedlergemeinschaft herausgebildet. In regelmäßigen Abständen, wie zu Weihnachten, zum Sommerfest oder zum Erntedankfest, kam man zusammen. Auch hatte sich eine Spargemeinschaft gebildet, die im Verkaufsraum bei Frau Bölt eine große Sparwand installiert hatte, an der jeder sein Sparfach hatte und nach dem Einkauf die restlichen Pfennige hinterlegen konnte. Dieses Geld wurde dann zu den einzelnen Begebenheiten mit eingesetzt.

Mit Backwaren versorgte Anfang der 1930er Jahre Bäckermeister Hans Stüwe in der Tessiner Straße 62 die Leute. Hier konnten die Einwohner nicht nur Brot, Brötchen oder Kuchen kaufen, er gab auch den Hausfrauen die Gelegenheit, vor allem zu Weihnachten die selbst hergestellten Lebkuchen, Pfeffernüsse und andere Backwaren abzubacken.

Zusätzliche Backwaren brachte damals ein Gespann der Bäckerei Bornhöft aus der Stadt. Sein Zweispänner fuhr sogar bis nach Pastow. Der Gespannführer Herr Schünemann kam jeden Mittwoch und Sonnabend, egal wie das Wetter war. Am besten schmeckten die Schnecken für 5 Pfennig und die Kremschnitten für 10 Pfennig.

Mit Molkereiprodukten versorgte uns der Milchhändler Georg Sundt, der mit seinem Schimmel Milch, Butter und Sahne aus der Molkerei am Weißen Kreuz und der Friedrich-Franz-Straße heranschaffte. Weil er vom Vertrieb in Brinckmansdorf allein aber nicht existieren konnte, fuhr er täglich in die Stadt und verkaufte seine Waren in der Schröderstraße, Karlstraße und Umgebung. Dieses Verkaufsgebaren machte mir als Jungen derartigen Spaß, dass ich an den Wochenenden oftmals mit in die Stadt fuhr und selber dort an die Bevölkerung verkaufte. Die Abnehmer in den benannten Straßen hatten meistens ihre Milchtöpfe oder Kannen mit abgezähltem Geld vor die Tür gestellt, so dass von vornherein klar war, wie viel und was sie haben wollten. Herr Sundt und ich hatten jeder eine Kanne, in deren Deckel sich ein Stab befand. Wenn der gerade bedeckt war, befand sich darin 1h Liter Milch. Kamen wir gegen 12 Uhr wieder in Brinckmansdorf an, hatte Frau Sundt das Mittagessen fertig und ich durfte mitessen. Für mich das Schönste des ganzen Einsatzes, denn woanders schmeckt es ja besonders gut.

Eine Schlachterei gab es zur damaligen Zeit noch nicht. Um uns trotzdem mit Fleisch- und Wurstwaren zu versorgen, kam wöchentlich der Schlachter Nase mit seinem dreirädrigen Mobil, nahm Bestellungen entgegen und lieferte sie dann frei Haus. Andererseits gab es die Möglichkeit, beim Schlachter Albert Steinborn, der seine Privatwohnung im Vagel-Grip-Weg hatte, eine Bestellung aufzugeben, die er ebenfalls aus der Stadt mitbrachte.

So stellte sich das Leben bis etwa 1930 dar. Mit der weiteren Industrialisierung machte die Stadt Rostock Fortschritte und auch Brinckmansdorf. In der Folgezeit wurden eine Wasserleitung und eine Gasleitung von Rostock aus den Berg hinauf geführt und auch eine Stromleitung gelegt. Damit erhöhte sich die Lebensqualität wesentlich. Auch Händler und Kaufleute versuchten ihre Geschäfte im Ort zu machen. So kamen täglich Milchhändler aus Pastow (Knuths) sowie aus Neu Roggentin (Kielgast) mit ihren Gespannen und boten Produkte aus den umliegenden Molkereien an. Am Weißen Kreuz hatten sich zwei Kaufleute etabliert, die gleichfalls versuchten, ihre Waren an den Mann zu bringen. Der Kaufmann Behrendt schickte täglich einen jungen Mann mit dem Fahrrad den Berg hinauf, um die Warenbestellungen einzelner Leute entgegenzunehmen, die in einem Auftragsbuch vermerkt und mittags zu den Bestellern gebracht wurden. Abgerechnet wurde monatlich, so dass wir praktisch den ganzen Monat auf Pump lebten.

Weit vor der Entstehung Brinckmansdorfs hatte sich hier oben der "Einsiedler" niedergelassen - eine Waldschänke, entstanden 1883 aus einer Pfingstmarktbude. Die Gaststätte "Schweizerhaus" folgte. Die beiden Inhaber der Gaststätten, im "Einsiedler" Wilhelm Klüsendorf und im "Schweizerhaus" Johannes Alm, waren somit echte Brinckmansdorfer.

In den Gaststätten trafen sich zu verschiedenen Anlässen die Einheimischen, gingen zu Tanzveranstaltungen an den Wochenenden und zu den Kaffeekränzchen der älteren Damen aus Rostock. Bereits zur damaligen Zeit fuhr in größeren Abständen eine Straßenbahn - die Linie 3 - vom Steintor bis zum Weißen Kreuz, und damit war der beschwerliche Weg nur halb so lang.

Zum Tanz am Wochenende kamen viele junge Menschen aus der Stadt zum "Schwofen" und amüsierten sich bis in die Nacht, um dann mit lautem Gesang wieder in die heimatlichen Gefilde zu ziehen.

An Sonntagen kamen nachmittags ganze Heerscharen von Familien und nutzten die Gelegenheit, um sich selber Kaffee zu kochen. Der Wirt Johannes Alm hatte nämlich in einem Nebenbau die Möglichkeit geschaffen, mit dem Hinweis auf einer Tafel "HIER KÖNNEN FAMILIEN KAFFEE KOCHEN". Irdene Kaffeekannen und kochendes Wasser wurden zur Verfugung gestellt und so konnte von den einzelnen Familien, zumeist von den Frauen, ihr Kaffee allein aufgebrüht werden. Kuchen konnte beim Wirt gekauft werden.

Im Garten fand dann auch Luftgewehrschießen statt, wobei schöne Preise ergattert werden konnten. Auch war manchmal ein "Trull-Trull" im Garten aufgestellt, wo man sich für wenig Geld einen Aal erdrehen konnte. Ja, so war rückblickend immer etwas los und wir jungen Brinckmansdorfer nutzten die Gelegenheit, unsere Schießkünste unter Beweis zu stellen.

Die andere Gaststätte, der "Einsiedler", war weniger stark besucht und fand eher von Liebespärchen Zuspruch, weil sie etwas abgelegen war in den Cramonstannen.

Ein kleiner Hügel beim "Einsiedler" spielte Anfang der 1930er Jahre eine andere Rolle. Seit seiner Entstehung gehörte Brinckmansdorf mit seinen etwa 100 Einwohnern zur Kirchengemeinde von St. Nikolai in der Altstadt. Gemeindepfarrer war Pastor Behm. Für die Brinckmansdorfer immer ein langer Weg zum sonntäglichen Gottesdienst, so dass die Teilnahme oft zu wünschen übrig ließ. Es wurde der Versuch unternommen, zu Pfingsten den Gottesdienst in Brinckmansdorf selbst abzuhalten. Gewählt wurde eben dieser Hügel am "Einsiedler", drum später im Volksmund als "Bergpredigt von Pastor Behm" benannt. Allerdings war die Teilnahme wohl zu gering, so dass es bei dem einmaligen Vorhaben blieb.

Eine Schule gab es in diesem Stadtteil leider noch nicht und so mussten wir Kinder den 3 km langen Weg zur Schule in der Stadt zu Fuß zurücklegen, es sei denn, wir fuhren morgens mit dem Postauto ab der Postfiliale bei Frau Bölt oder ab Weißem Kreuz mit der Straßenbahn.

Bis 1932 hatten sich ungefähr einhundert Familien angesiedelt, die sich aus allen gesellschaftlichen Schichten zusammensetzten. Arbeiter, Angestellte, Beamte, Lehrer, Zöllner, Rentner und Kriegsinvaliden lebten hier.

Damit entwickelte sich Brinckmansdorf zu einem wunderschönen ruhigen Stadtteil und fand in den folgenden Jahren viele Interessenten die sich ihr Eigenheim bauten. Bis 1939 wurde eine Reihe von freien Bauplätzen, wie im Vagel-Grip-Weg, Zorenappelweg, Unkel-Andrees-Weg, Höger Up, Huerbaasweg, Utkiek und Jan-Maat-Weg, bebaut, so dass die Einwohnerzahl stark zunahm.

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