Geschichte/Wirtschaft
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zum Vergrößern klickenSchrägluftbild von 1944 © Bildarchiv Foto Marburg
 
Firma Ferdinand Schultz Nachfolger
Joachim Lehmann

1868 gründete Ferdinand Schultz eine Drahtwarenfabrik in einem alten Speicher in der Wokrenter Straße und in der Langen Straße, die er gut anderthalb Jahrzehnte später an den Beginenberg verlegte. Im dortigen Glockengießerhof übernahm er 1892 die Glockengießerei Haack &Söhne. Paul Julius Carl Erdmann führte ab 1902 unter Beibehaltung des Firmennamens gemeinsam mit seinem Schwager Paul Dahl die Firma, die im gleichen Jahr in die Breite Straße 11 in der Innenstadt übersiedelte. In dem Briefkopf ihres Unternehmens verweisen die Inhaber auf das inhaltliche Profil ihres Unternehmens als „Drahtwaren- und Drahtgitterfabrik verbunden mit Kunst- und Bauschlosserei mit elektrischen Kraftbetrieb“. Mit einem gewissen Stolz vermerken sie dort auch ihren Status als „älteste Fabrik Norddeutschlands“ und ihren Status als „Hoflieferant Sr. Kgl. Hoh. D. Grossherzogs“. 
Nach dem Ersten Weltkrieg wird unter dem Kopf des Briefbogens auf die Spezialität „Massenherstellung von verzinkten Drahtgeflechten“ und auf „Baukonstruktionen: Spezialität: schmiedeeiserne Fenster“ aufmerksam gemacht. Und auch weitere umfangreiche Leistungen werden auf dem Briefbogen vermerkt: „Drahtzäune: Wildgatter, Tiergärten, Parkanlagen, Gärten, Hühnerhöfe, Fasanerien etc.; Garten-, Balkon-, Front- und Grabgitter; Ferner: Fischbungen, Fischreusen. Fischkästen, Krebskörbe etc. etc.; Kartoffel-, Holz- und Rübenkörbe; Hühner- und Taubennester, Fußmatten, Kükenkörbe; Lager von verzinktem und blankem Draht, Stacheldraht, Drahtseilen, Drahtgeflechten und -geweben, Drahtgaze etc.,  Baubeschläge, Drahtstifte; Schürmann`s Patent-Anker-Eisen; Hygienische Trockenheizung von Neubauten und feuchten Räumen“. Ende der dreißiger Jahre weist ein veränderter Briefbogen weiter die Firma „Ferd. Schultz Nachf. Rostock“ mit dem Inhaber Paul Erdmann und einem eher dezenten Hinweis auf den „Hoflieferant Sr. Kgl. Hoheit des Großherzogs“ aus. Das fachliche Profil findet hier nun folgende Berücksichtigung: „Eisenkonstruktionen / Bauschlosserei; Träger /  Moniereisen; Patent-Anker-Eisen/Bauartikel; Spezialitäten: Schmiedeeiserne Fenster / Drahteinfriedungen / Hygienische Trockenheizungen von Neubauten und feuchten Räumen / Stahltore und -Türen / Gasschutztüren und Fensterblenden“. Mit diesem fachlichen Profil geht die Firma in den Krieg, der nach und nach Einschränkungen und im Frühjahr 1942 die Katastrophe für das Unternehmen bringen wird. Noch 1941 übernimmt Rolf Erdmann gemeinsam mit dem Ingenieur Wilhelm Vogt die Leitung des Betriebes. Bei dem Viertage-Bombardement Ende April 1942 wird das Gebäude Breite Straße 11 (etwa Gebäude der heutigen Kaufhof-Filiale) und damit die Firma entscheidend getroffen und vollständig zerstört.. Es folgt die Verlagerung in das von der Stadt seit langem ins Auge gefasste Gewerbegebiet jenseits der Warnow im sogenannten Osthafen, neue Adresse Alt Karlshof 2.
Die Lage nach dem Angriff auf das Unternehmen im Zentrum der Altstadt schilderte der Inhaber Rolf Erdmann im April 1943 in einem Schreiben an das Mecklenburgische Staatsministerium in Schwerin: „Unser Betrieb wurde im April v. Js. durch Feindeinwirkung restlos vernichtet.  Der Wiederaufbau wurde auf Veranlassung von Herrn Gebietsbeauftragten Dr. Fischer und Herrn Oberbürgermeister der Seestadt Rostock durch Herrn Archt. Sass vorgenommen. Die erforderIichen Maschinen für unsere Firma wurden durch den Generalbevollmächtigten für die Maschinenproduktion beschlagnahmt. Seit Oktober v. Js.  arbeiten wir wieder mit voller Belegschaft und zwar z. Zt. werden bei uns über 70 Personen beschäftigt.  Wir arbeiten in zwei Schichten von morgens ½ 7 bis 18.00 Uhr und von 18.00 Uhr bis ½ 7 Uhr. Es werden bei uns zu 100 % nur die dringendsten SS-Arbeiten ausgeführt und zwar für die Norddeutschen Dornier-Werke Wismar und Lübeck, für den U-Bootsbau der hiesigen Neptunwerft und für den Lokomotivbau.“
Anlass für das Schreiben waren die absolut unzureichenden Luftschutzmöglichkeiten auf dem Firmengelände, auf die durch die Firmenleitung gegenüber dem Oberbürgermeister der Stadt und dem Polizeipräsidenten wiederholt aufmerksam gemacht worden war. Hierauf nahm Erdmann deutlich Bezug: „Durch den Kommandeur der hiesigen Schutzpolizei, Herrn Oberstleutnant Werner, erhalten wir jeden Tag Mahnungen schnellstens mit den Bauten zu beginnen, damit vor evt. Luftangriffen unsere Leute nicht ohne jeglichen Schutz sind. Anliegen übersenden wir Ihnen eine Abschrift des Schreibens an den Herrn Oberbürgermeister der Seestadt-Rostock. Wir sind nicht einmal in der Lage Splitterschutzgräben auszuführen, da unsere Firma direkt am Wasser aufgebaut wurde und bei Hochwasser diese Gräben sofort voll Wasser laufen. Wir haben schon vor längerer Zeit versucht Splitterschutzgräben auszuheben, konnten jedoch diese Arbeiten nicht beenden, da wir gleich auf Grundwasser stießen.“ Diesem Schreiben vom 6. April 1943 folgte am 14. April eine wiederholte Forderung des Poizeipräsidenten an das Stadtbauamt: „Unter Bezugnahme auf das o.g. Schreiben bitte ich nochmals dringend, die polizeiliche Genehmigung für den Bau des zu errichtenden Luftschutzraumes sofort zu erteilen. Die s. Zt. Angeführten Gründe Gründe, wonach zur beschleunigten Sicherung der Betriebsangehörigen unverzüglich mit dem Bauvorhaben begonnen werden muß, verlangen nunmehr eine sofortige Bearbeitung des dort vorliegenden Antrages. Der im Bau befindliche, auf Moorgrund liegende Splitterschutzgraben, der als vorläufiger Ersatz für den Luftschutzraum dienen soll, ist nach den getroffenen Feststellungen schon jetzt mit Grundwasser gefüllt, sodaß er als Luftschutzraum kaum in Frage kommt. Die sofortige Errichtung eines vorschriftsmäßigen Luftschutzraumes ist daher dringend erforderlich. Ich bitte, das erforderliche nunmehr sofort in die Wege zu leiten. Über das Veranlaßte bitte ich bis zum 24.4.43 um Mitteilung.“  Der dann errichtete Luftschutzbunker hat die Zeitläufte überdauert und ist auch heute noch vorhanden.  
Im Jahr 1943 konnte das Unternehmen auf 75 Jahre einer erfolgreichen Entwicklung zurückblicken. Die konkreten Zeiten  ließen aber offensichtlich die würdige Begehung eines solchen Jubiläums nicht zu. Immerhin konnte die Firma – unter Hinweis auf ihre Leistungsbereiche Stahl- und Metallbau, Drahtwaren-Fabrik und Eisengroßhandel - im örtlichen Telefonbuch auf sich aufmerksam machen.
Der Polizeipräsident hatte aber angesichts der Lage noch weitere Luftschutzmaßnahmen im Blick und wandte sich mit diesen am 18. Mai 1943 an die Firma. Wegen der Errichtung der Werkstatthalle unmittelbar neben dem Holzlagerplatz der Firma Bruno Holst wurde eine Änderung verlangt, weil „der Bau der Halle aus luftschutztechnischen und feuerpolizeilichen Gründen nicht den bestehenden Bestimmungen“ entspreche. „Weiter hat die Feststellung ergeben, dass die zum Teil unersetzlichen Maschinen in der Werkhalle völlig ungeschützt sind. Zur Sicherung Ihres Betriebes bezw. Zum Schutz der Maschinenanlage erteile ich Ihnen daher nachstehende Auflagen: 1) An der südlichen Längswand der Werkstatthalle ist in ihrer ganzen Länge eine vorschriftmäßige Brandmauer zu errichten. 2) Die Außenwände des Maschinenraumes sind durch Versetzen von Splitterschutzwänden bis zur Höhe der aufgestellten Maschinen zu sichern. Die geforderten Maßnahmen sind beschleunigt durchzuführen.“
Hinzu traten zunehmende Sorgen der Machthaber über die Sicherheit der Unternehmen angesichts der sich problematisch entwickelnden Kriegslage. Das System reagierte im Mai 1944 mit einem geheimen Hinweis: „Bei evt. Auftreten von Unruhen unter den Ausländern habe ich angeordnet, dass die 5 vorhandenen Gewehre dem Werkschutzleiter v. Dienst zur Verfügung stehen. Dieser hat dieselben unter seinen selbst zu bestimmenden deutschen Gefolgschaftsmitgliedern zu verteilen.  Die WL v D sind unterrichtet, dass sie rücksichtslos vorgehen und sofort von der Waffe Gebrauch machen.  … Die Firmen Draht-Bremer, Maschinenfabrik Lange, Meincke, Schultz Nachf., Ihde & Co, das Lager Dierkow werden zusammengeschlossen. Die Betriebsobmänner sollen die Angelegenheit mit denn Betriebsführern besprechen.“ Offensichtlich aber ist erfreulicherweise eine solche Situation im Osthafen nicht eingetreten.
Es naht das Kriegsende. Über die nahegelegene Brücke kann die Rote Armee kampflos in die Stadt einziehen. Die bisherige Kriegsproduktion wird ersetzt durch Dinge, für die bei der Bevölkerung dringender Bedarf besteht. Es beginnt mit der breitgefächerten Produktion unter anderem von Ofengestellen für Kochhexen, Siruppressen, Handwagen, Saateggen und dringend benötigten Ersatzteilen für diverse Fahrzeugtypen.
Das fachliche Profil des sich langsam erholenden Unternehmens wird 1952 durch die Übernahme der ebenfalls im Osthafen ansässigen Automobilfirma Ihde erweitert. Der überraschenden willkürlichen Enteignung 1953 folgt die Flucht der Familie Erdmann in die Bundesrepublik. Im folgenden Jahr – nach Etablierung des sogenannten „Neuen Kurses“ in der Wirtschaft der DDR – kehrt sie auf der Grundlage entsprechender Zusicherungen nach Rostock zurück und führt die Firma weiter. Deren fachliches Profil wird durch Übernahme der Tätigkeit als Vertragswerkstatt für die sowjetischen Pkw vom Typ Wolga und Moskwitsch erweitert. Hinzu tritt die Vertretung für das Mehrzweckfahrzeug Multicar aus DDR-Produktion. Bedeutsamer noch ist die im Zusammenhang mit der Entwicklung der Werftindustrie stehende Entwicklung zum bedeutenden Zulieferbetrieb für den DDR-Schiffbau  von Schäkeln, Spannschlössern und Mannlochverschlüssen.
Dies alles kann nicht die drohende, 1959 beginnende Verstaatlichung abwenden. Am 9. November 1959 forderte die Industriegewerkschaft Metall die Herren Wilhelm Vogt und Rolf Erdmann ziemlich massiv auf, zu einer beabsichtigten Staatlichen Beteiligung Position zu beziehen: „Da bis heute in Ihrem Betrieb noch keine Klarheit über die staatliche Beteiligung besteht, sehen wir uns veranlaßt, im Interesse der Arbeiter Ihres Betriebes eine Zusammenkunft mit allen interessierten Stellen dem Rat des Bezirkes, der Deutschen Investitionsbank und der Gewerkschaft herbeizuführen. Wir hoffen, daß diese Zusammenkunft auch in Ihrem Interesse liegt und bitten Sie daher, an einer Aussprache, die am 17.11.59 um 14 Uhr in Ihrem Betrieb stattfindet, teilzunehmen. Dadurch hoffen wir eine schnelle Klärung dieser Angelegenheit herbeizuführen und Ihrer Bereitschaft, die staatliche Beteiligung aufzunehmen, Rechnung zu tragen.“ Wenige Tage später informierte die Abt. Finanzen, Unterabteilung Steuern des Rats des Bezirkes Rostock Erdmann über eine noch offen gebliebene Frage. Welche Überlegungen Erdmann und seine Familie angesichts der noch offenen Grenze zur Bunderepublik über Westberlin beschäftigten, kann nur eine Mutmaßung sein. Der Ton und das Ergebnis waren klar: „Am 17.11.1959 wurde mit Ihnen in Gegenwart von Vertretern der Betriebsangehörigen Ihres Betriebes, Vertretern des Bezirksvorstandes der IG-Metall, der Abteilung Industrie und Handwerk des Wirtschaftsrates des Bezirks Rostock und der Bezirksfiliale Rostock der DIB über weitere nach Ihrer Auffassung dem Vertragsabschluß auf staatliche Beteiligung noch im Wege stehende Fragen beraten. Im Ergebnis dieser in Ihren Betriebsräumen geführten Aussprache erklären wir Ihnen hiermit folgendes: Sollte infolge nicht vorherzusehender Ereignisse der Erbfall eintreten, werden wir mit Ihrer Ehegattin zum Zwecke der Begleichung der dadurch eintretenden Erbschaftssteuerverpflichtungen an den Staatshaushalt eine langfristige Tilgungsvereinbarung abschließen. Der Inhalt dieses Schreibens wurde mit der Abteilung Finanzen des Rates der Stadt abgesprochen.“  Dies scheint  der letzte Schritt von letztlich erfolglosen Versuchen Rolf Erdmanns gewesen zu sein, das Schicksal seiner Firma vor dem Ende zu bewahren. Der ganze Prozess endet schließlich 1972 mit Enteignung und Verstaatlichung. Der Name FSN geht verloren und wird durch VEB Metallwerkstätten „Warnow“ ersetzt. Schließlich gibt Rolf Erdmann 1978 die Leitung des Betriebes ab.
Im Ergebnis der gesellschaftlichen Veränderungen in der DDR tritt 1990 sein jüngster Sohn Axel Erdmann in die Gesellschaft ein und beginnt den schwierigen schrittweisen Prozess der Reprivatisierung. Inhaltlich geht es vorrangig um die stufenweise Umstellung des Unternehmens vom Schiffszulieferer zu einem Unternehmen der Fahrzeugbranche. Es werden die Firmen der Ferdinand Schultz-Gruppe gebildet und weiter entwickelt. Dabei gilt es verschiedenste Probleme zu bewältigen, die sich nicht zuletzt aus Fragen ergeben, welche in den Jahrzehnten seit der Übersiedlung des Unternehmens in den Osthafen entstanden waren
Heute, nach mehr als 150 Jahren ebenso wechselvoller wie erfolgreicher Entwicklung der Unternehmen des Firmenverbundes Ferdinand Schultz Nachfolger (FSN) beschäftigen dessen Firmen nahezu 350 Männer und Frauen. Die arbeiten in den Autohäusern für VW, Audi und Skoda, in der FSN Fördertechnik GmbH (auch in Hermsdorf bei Magdeburg), im FSN Fahrzeugbau, in der FSN Versicherungsmakler GmbH, Im Kärcher-Center in Altkarlshof. Im Gebrauchtwagenzentrum am Petridamm sowie in den Autohäusern in Teterow und Demmin.
Und nicht unerwähnt bleiben soll die Ernennung des Geschäftsführenden Gesellschafters Axel Erdmann zum Honorarkonsul 1997 durch den Schwedischen König.