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Karte Osthafen (Kartenbild © HRO Rostock (CC BY 3.0))
zum Vergrößern klickenPlan von vor 1942
zum Vergrößern klickenLuftbild von 1944
 
 
 
 
Der Kalkofen im Osthafen
Hans-Dieter Seibel

Das Gewerbegebiet Osthafen wird als relativ junges Gewerbegebiet beschrieben.
Man datiert das Alter auf etwa 90 Jahre, weil es seinem Namen "Osthafen“ erst mit dem Planungsansatz der Hafenerweiterung um 1911 erhalten hat. Dabei weisen Flurnahmen sowie Wege- und Straßenbezeichnungen doch schon sehr deutlich auf frühe handwerkliche und gewerbliche Nutzungen (z.B. Bei der Knochenmühle 1875) oder Anliegergehöfte (z.B. Beim Kalkofen 1873) oder Zielorte hin (Carlshöfer Weg 1627). [1]

Als am 01.07. 1959 fünf selbstständige Bauhandwerksmeister sich der politischen Zielstellung mit mehr oder weniger Begeisterung stellten und ihre zersplitterten Produktionskräfte in einer Produktionsgenossenschaft des Handwerks "PGH Greif" vereinten, brachte einer der Gründungsväter, Dachdecker und Maurermeister Karl Mietz, das Grundstück "Beim Kalkofen 10“ mit in das genossenschaftliche Eigentum ein.
Keiner der beteiligten Meister und Handwerker hat dabei an historische Bezüge der Straßenbezeichnung gedacht. Die bestehenden Bebauungen [2]

  • Wohnhaus mit Heizhausanbau von 1873
  • Lagerhalle 12,2 x 24,0 m von 1950
  • Teerbassin mit Mittelwand 4,0 x 8,0 m Tiefe 2,4 m aus 38 cm Stampfbeton
  • massives Stallgebäude
  • Wohnbaracke

wurden in das genossenschaftliche Eigentum eingegliedert genutzt, umgenutzt und durch weitere Bauten ergänzt:

  • 1 große Holzlagerhalle mit 2 Zement-Hochsilos (siehe Foto mit Silo-Türmen)
  • LKW-Garagen
  • 2 (neue!) Kalksumpfgruben
  • ein Büroflachbau/ Sanitärtrakt mit Aufenthaltsraum.

Entsprechend den Erfordernissen und Möglichkeiten wurden Nutzungsänderungen und Werterhaltungsmaßnahmen in Eigenregie realisiert. So wurde der Bedarf von Kalksumpfgruben durch den Bau von zwei neu gemauerten Gruben im Anschluss an die vorhandenen Teerbassins abgedeckt. Man hatte nicht erkannt, dass die vorhandenen
"Teerbassins" bereits das Ergebnis der Umnutzung der Kalksumpfgruben der alten Kalkbrennerei waren. Die erfolgte Nachnutzung als "Teerbassin“ durch den neuen Eigentümer, Dachdeckermeister Karl Mietz, gestattete der PGH keine erneute Nutzung als Kalksumpfgrube. Die PGH Greif hatte zu dieser Zeit 35 Genossenschaftsmitglieder und war an 3 Standorten in Rostock präsent:

  • Holzlager, Holzzuschnitte und Verarbeitung in der Schonenfahrerstraße 1
  • Werkstätten, Mineralstofflager, Garagen, Sozialbereiche Beim Kalkofen 10
  • Verwaltung und Buchhaltung in der St.-Georg-Straße 3

Zwei schwimmende "Außenstandorte" waren die Rammschiffe "Greif I" und "Greif II" für den Buhnenbau, für Uferbefestigungen und sonstige Wasserbauarbeiten. Für die Rammschiffe gab es keine eigenen Liegeplätze. Unter den Wirtschaftsbedingungen der DDR war es möglich, oder besser, hatte sich eingebürgert, dass bei den jeweiligen Auftraggebern (Hafen, Werften, Wasserstraßenamt, Weiße Flotte usw.) keine Liegeplatzgebühren erhoben wurden. Jeweils beim letzten Auftraggeber der Saison wurden die Rammschiffe bis zum Frühjahr vertäut und überwinterten gebührenfrei!
Im Frühjahr wurden sie dann zum nächsten Auftraggeber verholt. Diese Verfahrensweise hat bis zum Ende der DDR funktioniert.

Das Osthafengebiet erlebt in dieser Zeit eine weitere "planvolle“ Ansiedlung von Industrie und Gewerbe. Die vorhandene Gleiserschließung beförderte die Ansiedlung z.B. von:

  • Ingenieurbüro Schiffbau
  • Baumechanik Nord
  • VEB Metallhandel
  • BHG (Bäuerliche Handelsgenossenschaft)
  • Kreisbaubetrieb Rostock Land
  • VEB Metallaufbereitung
  • Heizwerk Osthafen
  • Stadtstraßendirektion
  • PGH "Heizungsbau"
  • PGH Greif

Gegen 1989 waren auf dem Osthafengelände ca. 13.000 Werktätige beschäftigt. Durch Bildung von "Entladegemeinschaften" versuchte man auch an Wochenenden einen zügigen Ladungswechsel bei den Güterwaggons zu erreichen. Unter dem Begriff "Territoriale
Rationalisierung" führte das zu einer schnellen Rückführung der "besenreinen" Reichsbahnwaggons. "Gerissene" Kalk- und Zementsäcke wurden als Transportverlust gemeldet. Die Zement- und Kalksilos der PGH Greif haben sich dabei sehr bewährt.

Mit dem politischen und wirtschaftlichen Strukturbruch im Zusammenhang mit der Wiedervereinigung stellten sich auch im Osthafen drastische Veränderungen ein.

  • Die PGH-Mitglieder bestätigten die Anpassung der PGH an die neuen "wirtschaftlichen Bedingungen". Es gründete sich die Kucher Bau GmbH Greif. Das genossenschaftliche Eigentum wurde bewertet und der GmbH zur Miete und Pacht überlassen. Alle 35 Genossenschaftler wurden Arbeitnehmer der GmbH.
  • Im Osthafen führten die Berücksichtigung der tatsächlichen Grundstücksverhältnisse und die Abwicklung von Wirtschaftseinheiten zu einer Industriebrache mit 4 Produktionsinseln:
    - Riedelsche Dachbaustoffe
    - Ferdinand Schulz Nachfolger
    - Kucher Bau GmbH Greif
    - Heizungsbau Rostock GmbH
    Der Osthafen wurde "untergenutzt"
  • Diese wirtschaftliche Unsicherheit am Standort Osthafen ließ für das Betriebsgrundstück "Beim Kalkofen 10“ keine Zukunft erkennen.
  • Die Stadtplanung und die Bürgerschaft der Stadt Rostock haben sich 10 Jahre zögerlich bezüglich des Osthafens verhalten. Der Bebauungsplan "Gewerbegebiet Osthafen" wurde durch die Bürgerschaft 1999 gebilligt, mit Änderung am 06.09.2000
    beschlossen und am 25.03.2013 ausgefertigt. Seitdem ist neue Bewegung in die Ansiedlung gekommen.
  • Für die Fachsanierung Kucher Bau GmbH war die Beseitigung des inzwischen erreichten Sanierungsstaus auf und am Grundstück "Beim Kalkofen 10" unwirtschaftlich geworden. Ein Neubau wurde geplant (2013 -2014). In diesem Zusammenhang wurden die vorhandenen Zeichnungen sondiert, besonders um zu
    erwartende Unwägbarkeiten beim Abriss und der Tiefenberäumung und deren eventuelle Kontaminierung abschätzen zu können.

Mit der Sichtung weiterer vertiefender Unterlagen wurde deutlich, dass das Flurstück mit postalischer Anschrift "Beim Kalkofen 10" der Standort eines Kalkofens mindestens aus dem Jahr 1873 war. Diese Jahreszahl stand in Eisenguss am ältesten Massivgebäude auf dem Grundstück und stammt eventuell sogar aus dem Gründungsjahr.

Dazu wurden folgende Fakten und Zeugnisse zusammengetragen:

1. Erkenntnisse aus dem Abriss 2014

  • Die unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg errichteten beiden großen Lager- und Werkstatthallen (Baujahr 1947): Nach dem Abriss der großen Lagerhalle stieß man auf 2 in der Erde eingelassene, massiv gemauerte Gruben. Die rechten Gruben (Bild 7) stammen aus der Zeit des alten Kalkofens, die linken aus der Zeit der PGH (Bild 9).
  • Die Bilder zeigen deutlich die Größe der ehem. Kalksumpfgruben (V= 4,0 x 8,0 x 2,4 = 76,8 m³) die die Brennleistung des Kalkofens wiederspiegeln. Die Nachnutzung als Teerbassin wird aus Bild 7 deutlich. Damit war verbunden, dass sie nicht mehr als Sumpfgruben genutzt werden konnten. Beim Abbruch 2014 führte das zu erheblichen Mehrkosten infolge Umweltschutzauflagen und Sonderentsorgungen.
  • Der Bedarf der PGH Greif wurde durch Neuanlage von 2 Sumpfgruben neben den vorhandenen "Teerbassins" abgedeckt (ca. 1960). [siehe Bild 7 links neben "Teerbassin" und Bild 9 die "neuen" Sumpfgruben]
  • Weitere Fundamte mit Rückschlusspotential wurden bei der Enttrümmerung nicht gefunden.

2. Aktenlage 1959 (Gründung PGH Greif)
Der Katasterauszug des Rates der Stadt Rostock, der anlässlich der Bildung des genossenschaftlichen Eigentums 1959 für das Grundstück "Beim Kalkofen 10" als Planungsgrundlage ausgegeben wurde, entspricht allerdings der Vorkriegssituation (siehe Nachbargrundstück Raiffeisen [gestrichen]), also etwa dem Zustand vor den Bombardements auf Rostock (09. Mai 1942 bis 25. August 1944).
Bild 7 zeigt eine Luftaufnahme vom 27. August 1944 auf den Osthafen mit dem Grundstück "Beim Kalkofen 10" in „geräumten“ Zustand (dunkel, ohne Bebauung aber mit Restfundamenten). Diese Restfundamente zeigen eindeutig:

  • die Reste der massiven 5-eckigen Grundstücksumfassung
  • die Fundamente eines 6-eckigen Brennofens
  • das unzerstörte Wohngebäude vor 1873 samt Heizhausanbau

Auffallend ist im Katasterauszug der diagonallaufende Gebäudebestand mit einer sechseckigen "Endbebauung" sowie die fünfeckige Grundstücksfläche. Auf diese Art gleicht der fünfeckige Grundstückszuschnitt die nicht parallel verlaufenden Erschließungsstraßen (Beim Kalkofen und Stangenland, früher Carlshöfer Weg) aus.

In [1] wird unter der Straßenbezeichnung "Beim Kalkofen" angegeben, dass ein C.A. Clement Eigentümer des Kalkofens war. Der Betrieb des Kalkofens wird dabei in Zusammenhang mit der ebenfalls von C.A. Clement auf den Nachbargrundstücken betriebenen Knochenmühle (s.a. "Bei der Knochenmühle“ [1]) und der Carlshöfer Dampf-Knochenmehl- und Superphosphat Düngerfabrik) gebracht.

Der angeführte C.A. Clement hat jedoch in seinen Anzeigen in den Rostocker Adressbüchern in den Jahren 1872 und 1873 keinen Bezug zum Kalkofen angegeben. Gleiches gilt für seinen Sohn und Nachfolger A. Clement 1898. Dies ist umso verwunderlicher, wenn man in [5, Seite
68] bereits am 12. November 1872 erfährt: "Bei dem Kalkofen vor dem Petri-Thore erhitzte sich durch das eindringende Wasser der Kalk und entzündete mehrere Lagerschuppen“ so die "Rostocker Zeitung“ in Auswertung der Jahrhundert-Sturmflut vom 12.11.1872.

Literatur- und Quellennachweis
[1] Rostock Straßennamen A-Z Stadtarchiv Sonderheft 5 1981
[2] Schätzungs-Gutachten zur Wertermittlung E. Seidenfad v.15.06.1957
Grundstück Beim Kalkofen 10
[3] Bomben auf Rostock
H.-W. Bohl – B. Keipke/ K.Schröcher Konrad-Reich Verlag 1995
[4] Suchnachweis Dr. Jan-Peter Schulze vom 18. Januar 2017 aus „Rostocker Adressbuch“
1872, 1873 und 1898
[5] Rostocker Zorenappels „Katastrophen, Abenteuer, Erlebnisse und Geschichte(n)“
Jahrgang 5/2011 „Sturmflut an der Ostsee“ Seite 64